Geschichte Kambodschas
Gesichert scheint zu sein, dass das Khmerreich aus den Königreichen Funan und Chenta hervorging. Die geschichtliche
Hochzeit der Khmer begann im 9. Jahrhundert und verdankt den Königen Jayavarman II.,
Indravarman I. und Suryavarman II. seinen rasanten Aufstieg zu eines der mächtigsten Reiche in Südostasien,
dem Angkor-Reich. Jayavarman II. erklärte sich im Jahr 802 n. Chr. zum "Gottkönig" (Devaraja) und schuf damit die
politische und religiöse Grundlage des Reiches. Surjavarman lies um 1100 den Angkor Wat erbauen, Teil der größten
Tempelanlage der Welt, die zur Blütezeit fast eine Millionen Menschen beherbergte und damit die größte Stadt
der Welt war. Das Reich entstand im Gebiet des heutigen Kambodscha und profitierte von einer gut organisierten
Landwirtschaft, insbesondere durch ausgeklügelte Bewässerungssysteme, die hohe Ernteerträge und ein starkes
Bevölkerungswachstum ermöglichten.
Die folgenden siebenhundert Jahre waren gekennzeichnet von Wachstum, Kriegen, Zeiten des Friedens und Wohlstands
und Zerfall. Während seiner Blütezeit im 12. Jahrhundert reichte da Khmer-Königreich (=Kambuja) von der Grenze
Chinas im Norden bis weit in die malayische Halbinsel, umfasste das gesamte heutige Thailand. Auch der Süden
des heutien Laos und Vietnams zählten zum Empire. Im Osten war das Königreich Champa jedoch eine ständige Bedrohung,
die 1181 mit einer militärischen Niederlage und Zerstörungen in Angkor den Höhepunkt erreichte. 1203 jedoch
schlugen die Khmer zurück und besiegten Champa. Und im Westen entstand das Reich Siam und wurde zunächst unter
Sukhothai und später unter Ayutthaya zur Bedrohung, die letztlich 1431 in der Eroberung Angkors mündete. Zu
der Zeit war der Zerfall Angkors bereits weit fortgeschritten, und so wurde die Königsstadt kurze Zeit später aufgegeben.
In den Jahrhunderten aber entwickelte sich Angkor zu einem mächtigen Zentrum in Südostasien, sowohl
politisch als auch kulturell. Monumentale Tempelanlagen und Städte zeugen bis heute vom Aufstieg dieses frühen
Staates. Jayavarman VII. führte um 1200 den Buddhismus als Staatsreligion ein, als das Reich seine größte Ausdehnung
besaß, aber auch seinen Macht-Höhepunkt überschritten hatte. Danach begann eine lange Zeit der kriegerischen
Konflikte mit Siam und Vietnam.
Bis heute ist es weiterhin ein Mysterium, warum die Khmer Ihre Stadt Angkor verlassen haben und sie dem Dschungel preisgaben.
1434 wird Phnom Penh zum ersten Mal zur Hauptstadt ernannt. Erst 1863 beenden die Franzosen mit ihrem Einmarsch und der Kolonialisierung Südostasiens die Streitigkeiten zwischen den Nationen und drücken dem Land in der Folge ihren bis heute sichtbaren Stempel auf. Französisch wird Amtssprache, Phnom Penh endgültig Hauptstadt. Französische Architektur und Kultur verbreiten sich in den folgenden 90 Jahren über das ganze Land. Die wohlhabenderen Khmer leben oder studieren eine Zeit lang in Frankreich, westliche Ausrichtung gilt als chique, Wohlstand zieht ein in die Städte, während die Landbevölkerung arm bleibt und wie seit Jahrhunderten vom Reisanbau leben muss. Erst 1907 gibt Thailand, damals noch Siam, die Nordwestprovinzen an Kambodscha zurück. Im zweiten Weltkrieg besetzen die Japaner fast vier Jahre lang das Land, in dessen Folge und mit Abschluss der Genfer Indochina-Konferenz Kambodscha 1953 in die Unabhängigkeit entlassen wird. Es ist das Verdienst des jungen Norodom Sihanouk, den Frankreich in der Annahme zum König gemacht hatte, er würde der Kolonialmacht die Treue halten. Die Bevölkerung liebt und verehrt ihren neuen König. Der junge demokratische, aber hilflose Staat bleibt politisch instabil und gerät, wie die Nachbarländer Vietnam und Laos in die Wirren des kalten Krieges und unter die Räder der Großmachtinteressen der Sowjetunion und der USA.
1955 gründet Sihanouk eine eigene Partei und übergibt das Königsamt seinem Vater. Er wird 1960 mit 100% der
Parlamentssitze Staatschef, zu der Zeit, als kommunistische Studenten unter der Führung eines gewissen Pol Pot
die Untergrundbewegung der Roten Khmer gründen.
Durch die gemeinsame Grenze mit Vietnam, wird das Land immer wieder in den Vietnamkrieg verwickelt. Sihanouk trotzt den Aufforderungen der USA, im Krieg Stellung zu beziehen und erklärt vehement, Kambodscha bleibt neutral.
Die wirtschaftliche Situation des Landes wird zunehmend schlechter, die Menschen leiden Hunger und die Armee bekommt immer weniger Geld. Da Sihanouk sich weiterhin weigert, aktiv in den Krieg einzugreifen, wird er 1970 durch einen von der CIA gebilligten Militärputsch unter General Lon Nol gestürzt. Er flieht nach Peking, gründet eine Exilregierung und ruft sein Land zum Bürgerkrieg auf. Zusammen mit den Roten Khmer will er das neue, Amerika hörige Regime wieder absetzen. Die Roten Khmer, die bislang nur eine kleine unbedeutende Gruppe waren, bekommen immer mehr Zulauf, weil die Menschen glauben, mit Ihnen den geliebten König wieder bekommen zu können. Tausende schließen sich Ihnen an. Die Exilregierung in China ermöglicht eine Allianz mit den Nordvietnamesen, die die Roten Khmer ausbilden und mit Waffen versorgen. Im Gegenzug gestattet sie Ihnen die Nutzung kambodschanischen Territoriums für Nachschubwege und eigene Stellungen. Ein katastrophaler Fehler, denn nun haben die USA einen Grund, kambodschanisches Gebiet zu bombardieren, Kambodscha befindet sich wider Willen im Krieg. Wenig später überschreiten amerikanische und südvietnamesische Truppen die kambodschanische Grenze. Anders als die Nordvietnamesen verhalten sich die Südvietnamesen nicht zurückhaltend gegenüber der kambodschanischen Bevölkerung, sie morden, plündern und vergewaltigen.
Durch die Bombenangriffe und die Invasion geraten die Nordvietnamesen immer weiter unter Druck und ziehen sich ins Landesinnere zurück, dadurch wird der Krieg auf fast ganz Kambodscha ausgedehnt.
1973, als der Vietnamkrieg für die USA längst verloren ist, befiehlt Präsident Nixon den größten Bombenangriff auf Kambodscha. Ohne Vorwarnung werfen B52-Bomber ziellos mehr als 250.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf das Land (fast viermal soviel wie im gesamten zweiten Weltkrieg auf Japan), kaum eine Landfläche wird nicht getroffen. Hunderttausende Zivilisten kommen ahnungslos ums Leben. Das Wort Bombenteppich, das schon in Vietnam bekannt war, zog nun auch in Kambodscha ein, einem neutralen Land, dass sich nicht offiziell im Krieg befand, und an dem die USA überhaupt kein Interesse hatten. Die östlichen Landesteile fielen in Schutt und Asche, waren quasi von der Landkarte getilgt worden. Ein letzter, von wahnsinnigen und hilflosen Befehlshabern in Washington befohlener Tötungsakt, der nie offiziell als Völkermord bezeichnet wurde.
Die betroffene Landbevölkerung strömt zu Tausenden den Roten Khmer zu. Der Hass auf die USA wächst ins Grenzenlose, ebenso auf die Stadtbevölkerung, die prowestlich und proamerikanisch eingestellt ist.
Nachdem sich die USA nach dem Verlust des Krieges vollständig aus Südostasien zurück gezogen hatten, gewannen
die Roten Khmer die Oberhand und marschierten im April 1975 in Phnom Penh ein. Kurz zuvor waren Lon Nol und die
letzten Amerikaner in einer Geheimaktion aus Kambodscha evakuiert worden. Lon Nol floh nach Hawaii und kehrte
nie zurück. Im trügerischen Glauben an ein Ende des Krieges jubelten die Menschen den neuen Machthabern zu, doch
nun begann für die Kambodschaner die eigentliche Schreckensherrschaft, die an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten ist.
Es begann die Zeit der Massenvernichtung durch das Pol Pot Regime der Roten Khmer. Mit unvorstellbarer Grausamkeit und Gewalt
wurden die Ziele der Säuberung, der Entwestlichung und der Einführung eines steinzeitlichen kommunistischen
Einheitsbauernstaates verfolgt. Jegliches Eigentum und Geld wurde abgeschafft, die Religionsausübung verboten.
Die Stadtbevölkerung wurde aufs Land vertrieben, wo sie fortan Fronarbeit leisten musste, am Rande des Hungertods
vegetierend, und von der Roten Khmer treuen Landbevölkerung, dem neuen Idealmenschen, sklavisch kontrolliert und
ausgebeutet. Sie wurden vor allem dort zur Arbeit gezwungen, wo die Felder mit Minen verseucht waren. Die
Städte verkamen zu Geisterstädten, wurden teilweise zerstört und geplündert. Jegliche Intelligenz war verhasst,
Brillenträger, Mönche und Personen, die unter den Franzosen und Amerikanern zu Wohlstand gekommen waren, wurden
gefoltert oder liquidiert. Jeder, der nicht kooperierte, sich verdächtig machte oder sich in irgendeiner Form
bereicherte, und sei es nur mit einer Hand voll Nahrung, kam in Zwangsarbeits- und Umerziehungslager oder wird
auf bestialische Art ermordet. Um Munition zu sparen, wurden die Menschen mit Messern, Beilen, Gewehrkolben und
Hämmern erschlagen, Frauen und Mädchen vorher systematisch vergewaltigt. Waffen, v.a. aus China wurden mit
Edelsteinen, Reis und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen bezahlt, industrielle Fertigung gab es keine
mehr. Dadurch litten Millionen an Hunger, Hunderttausende verhungtern elendiglich oder starben an Krankheiten.
Am Ende, so lauten Schätzungen, wurden in der Zeit zwischen April 1975 und Dezember 1978 ca. zwei Millionen
Khmer Opfer des Horror-Regimes, mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung.
Viele willkürlich bezeichneten Feinde wurden zunächst in Gefängnissen wie Tuol Sleng gefoltert und
anschließend auf die Killing Fields gebracht. Dort fanden systematische Hinrichtungen statt, oft mit
einfachen Werkzeugen, um Munition zu sparen. Die Opfer wurden in Massengräbern verscharrt. Die Roten Khmer
beuteten das Land vollständig aus und glaubten in irrer Selbstüberschätzung nun auch den historischen
Feind Vietnam angreifen zu können. Zuvor signalisierte das amerikanische CIA den Roten Khmer Unterstützung im
Kampf gegen den Klassenfeind.
Am 25. Dezember 1978 besetzten vietnamesische Truppen das Land und vertrieben die Roten Khmer in die Berge und Dschungel an der nordwestlichen Grenze zu Thailand, von wo aus sie mit Sihanouk elf weitere Jahre gegen die vietnamesischen Besatzer kämpften. In dieser Zeit wurden Millionen von Minen gelegt. Das Land starb und leidete unter den Augen der Welt weiter, bis sich die Vietnamesen 1989 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ausbleiben weiterer Unterstützung aus Kambodscha zurückzogen. Pol Pot wurde nicht gefasst und nicht zur Verantwortung gezogen und starb erst 1998. 1999 wurden die Roten Khmer offiziell aufgelöst, der letzte Kommandeur festgenommen.
Die strafrechtliche Aufarbeitung begann erst Jahrzehnte nach den Verbrechen und blieb auf wenige führende Personen beschränkt. Viele Verantwortliche wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Die wichtigsten Prozesse fanden zwischen 2006 und 2022 vor dem Sondergericht Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC) statt. Zu lebenslanger Haft wurden Kaing Guek Eav (Leiter des Foltergefängnisses S-21), Nuon Chea (Bruder Nr. 2) und Khieu Samphan (Staatschef des Regimes) verurteilt. Paul Pot, der sich nach dem Sturz der Roten Khmer 1979 in abgelegene Grenzgebiete zurück zog, wurde erst 1997 innerhalb der eigenen Bewegung entmachtet und in einem internen Schauprozess verurteilt, aber nicht inhaftiert. Er starb 1998 unter ungeklärten Umständen.
1993 wird Norodom Sihanouk erneut zum König gekrönt, führt alte Sitten und Gebräuche wieder ein, und bleibt es bis Oktober 2004. Seitdem ist der neue Monarch sein Sohn Norodom Sihamoni, der in Prag aufgewachsen ist und nur wenig Zeit seines Lebens in Kambodscha verbrachte. Kambodscha ist heute eine konstitutionelle Monarchie und Mitglied der UNO und des Verbundes südostasiatischer Staaten (ASEAN).
Seit dem Jahr 2000 ist Kambodscha von politischer Stabilität unter autoritärer Führung und wirtschaftlichem Wachstum geprägt. Der langjähriger Premierminister Hun Sen festigte seine Macht und regierte das Land über Jahrzehnte hinweg. Zwar fanden regelmäßig Wahlen statt, doch die Opposition wurde zunehmend geschwächt. Ein entscheidender Einschnitt war 2017 die Auflösung der wichtigsten Oppositionspartei durch das oberste Gericht, wodurch faktisch ein Einparteiensystem entstand.
Wirtschaftlich verzeichnete Kambodscha starkes Wachstum, insbesondere in der Textilindustrie, im Tourismus und durch ausländische Investitionen, vor allem aus China. Städte wie Phnom Penh und Sihanoukville entwickelten sich schnell, insbesondere auch durch den massiven Ausbau des Glückspielangebots/Casinos für Chinesen, während ländliche Regionen immernoch ärmer blieben. 2023 übergab Hun Sen die Macht an seinen Sohn Hun Manet, was als gelenkter Generationswechsel gilt, ohne grundlegende politische Öffnung.
Zur inneren Ruhe ist das Land jedoch noch nicht gekommen. Immernoch gibt es Zwischenfälle und Schießerein, noch kann man nicht von stabilen politischen und rechtlichen Verhältnissen sprechen. Und sicher kann man nicht davon ausgehen, dass die bestialischen Schlächter der Roten Khmer alle verschwunden sind. Sie leben unerkannt und teilweise in höheren Verwaltungsämtern im neuen, hoffnungsvollen Kambodscha unserer Tage. Die Seelen der Menschen sind jedoch auf Jahrzehnte traumatisiert, und die Folgen kann nur erkennen, wer sich in den kambodschanischen Alltag begibt.
